Erster Kontakt mit dem Tod

 

 

Es gibt nichts, das auf Erde erniedrigt, nur, in ihren Ländern ausländisch zu sein.

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Es war an einem sonnigen Septembertag im Jahr 1994. Schon am morgen hatte ich mit meinem Bruder Yassy beschlossen nach Rumonge zu Besuch zu unserer kranken Mutter zu fahren. Sheb, mein erstgeborener Sohn (15 Jahre alt) war mit uns. Er war sehr groß für sein Alter. Kaum vorstellbar, daß ich so alt sein sollte, so einen großen Sohn zu haben! Auf dem Weg nach Rumonge gab es alle 10 oder 15 km eine Militärsperre zur Ausweiskontrolle. Die Koffer der Passagiere sollten auch kontrolliert und sorgfältig durchwühlt werden.

Wir nahmen einen Bus zur Zentralmarkthalte-stelle. Die erste Militärstellung lag am Kanyosha fast am Ausgang der Stadt. Der Bus hielt bei der Sperre an. Ein Polizist, der Alkoholiker zu sein schien, kam auf uns zu und ging ganz ruhig um den Bus herum. Nachdem er einen kompletten Umlauf getan hatte, fragte er:

-  Haben Sie alle Ihre Ausweiskarte? 

-  Ja , antworteten wir im Chor.

Er rief auf gut Glück ein paar Hutus auf und verlangte von ihnen, die Ausweise vorzuweisen. Ich gehörte dazu. Irgendetwas hatte die Aufmerksamkeit des Polizisten auf mich lenken müssen. Er stand neben mir, nahm meinen Ausweis und schien ihn sorgfältig durchzusehen.

-  Warum haben Sie so einen neuen Ausweis?  fragte er drohend.

-  Ich habe ihn vor kurzem bekommen. 

-  Da stimmt etwas nicht. Und ausserdem sprechen Sie Kinyarwanda. Steigen Sie doch schnell aus! Schnell! 

Als ich zu zögern schien, spannte er sein Gewehr und richtete es auf mich. Ich stieg aus. Sheb und Yassy stiegen auch aus. Das Gesicht des Polizisten verzerrte sich.

-  Ich habe Sie nicht geheißen auszusteigen , sagte er.

-  Das ist mein Vater , protestierte Sheb.  Ich muss bei ihm bleiben. 

-  Das ist mein Bruder , sagte Yassy.

- Geben Sie mir Ihre Ausweiskarten.

Yassy gab seine Ausweiskarte und Sheb seine Schülerkarte. Es war eine Karte, die durch ein Gymnasium in Ruanda ausgestellt war. Der Polizist sah sie sorgfältig durch und zog den Schluß:

-  Es gibt keinen Zweifel. Sie sind Interahamwe, die meinen Tutsi Bruder in Ruanda beseitigt haben. Und Sie, wo ist Ihre Ausweiskarte?  fragte er Sheb.

-  Ich habe keine. Ich darf noch keine Ausweiskarte haben. Ich bin erst 15. 

-  Lügner! Welcher Fünfzehnjährige hat solch einen Wuchs? 

-  Das ist doch die Wahrheit, sagte ich verzweifelt. Er ist mein Sohn. 

Diese Antwort brachte mir einen tüchtigen Gewehrkolbenschlag ein, der mir die Unterlippe spaltete.  Willst Du endlich ruhig bleiben! Schmutziger Hutu! . Das Blut spritzte auf mein Hemd und rieselte auf meine Hose. Ich wischte mir den Mund mit einem Taschentuch ab. Ich warf einen Blick auf Sheb. Er hatte Tränen in seinen jugendlichen Augen. Yassy schäumte vor Wut. Er tat, als ob er sich dem Polizisten nähern wollte, um zu protestieren. Aber er merkte schnell, daß das Gewehr des Polizisten kein Spielzeug war und, daß es wirklich geladen war. Ich warf einen Blick auf Yassy und machte leise drei komplette Joga-Atmungen. Yassy verstand mich und tat desgleichen. Die Atmung beschwichtigte seinen Zorn und er gewann seine Gelassenheit wieder.

Der Polizist setzte uns auf das Trottoir und befahl uns, uns nicht zu bewegen bis unsere Situation geklärt sei.

-  Bei der geringsten Bewegung schieße ich ohne Warnung , sagte er.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Zweifel über unser Schicksal. Diese Militärstellung war überall für ihre Taten gegen die Hutus bekannt. Jeden Morgen fand man viele Leichen von Hutus mit entstellten Körpern um die Position herum. Der Stellungschef behauptete, es seien Hutu-Rebellen, die zur Nachtzeit die Stellung angegriffen hatten. Die EinwohnerInnen von Kanyosha wußten schon, daß es eine Lüge war. Aber sie wagten nichts zu sagen, aus Furcht vor Repressalien.

Wir konnten nicht weglaufen. Es wäre für den Polizisten eine Traumgelegenheit gewesen, auf uns zu schiessen und dabei die These von Hutu-Rebellen-Interahamwe zu bestätigen. Die Polizisten handelten nach dem gleichen Verfahren. Die Leute waren mit Gewalt zum Aussteigen gezwungen worden, irgendwo im Geheimen unter Verschluß gehalten und zur Nachtzeit ermordet worden.

Der Polizist gab seinem Chef unsere Ausweiskarten und traf sich mit seinen Kollegen wieder, die in einer Strohhütte Bier tranken. Sie konnten uns sehen, aber nicht verstehen, was wir sagten. Ich riet meinen Unglücksgefährten ganz ruhig zu bleiben und der Demütigung keine Aufmerksamkeit zu schenken. Unsere einzige Hoffnung war, daß ein Passagier uns sehe und auf unsere Gefangenschaft hinweise.

Dreißig Minuten später kam der Stellungschef.

-  Wer ist Tabu , fragte er.

-  Ich, Chef .

-  Warum haben Sie so eine neue Ausweiskarte? 

-  Ich habe sie vor kurzem bekommen. Ich war in Ruanda Flüchtling gewesen und ich bin vor kurzem zurückgekehrt. 

-  Das ist falsch! Es ist auf der Karte schwarz auf weiß festgehalten, Sie seien seit Ihrer Geburt in Rumonge geblieben. 

-  Das ist so in allen Gemeindeverwaltungen. Ich bin nicht der einzige in dieser Situation. 

-  Wollen Sie damit sagen, daß unsere Verwaltung schlechter als die Verwaltung Interahamwes sei?  explodierte der Polizist.

-  Das habe ich nicht gesagt, Chef. 

Sein Gesicht verzerrte sich, er wurde laut.

-  Ich bin nicht Ihr Chef. Und übrigens sprechen Sie überhaupt Kirundi. Warum antworten Sie auf Kinyarwanda? Ich bin doch kein Interahamwe! 

Ich wusste, daß er mich provozieren wollte. Ich wußte auch, daß es besser gewesen wäre, nicht viel zu sprechen. Ich sollte jedenfalls einen kühlen Kopf bewahren.

-  Ich bin nach Ruanda gegangen als ich noch jung war,  antwortete ich verzweifelt.  Dieser Akzent wird mit der Zeit verschwinden. 

-  Was machen Sie im Buja? 

-  Ich bin bei ISTEEBU Beamter. Das Institut gehört zum Planungministerium. 

-  Haben Sie eine Dienstkarte bei sich? 

-  Nein. 

-  Wie kann ich Ihnen glauben? 

-  Ich habe hier ein paar Telefonnummern von Leuten, die es bezeugen können.  Darf ich sie Ihnen geben? 

Er ignorierte meine Frage.

-  Wo wohnen Sie? 

Ich gab ihm meine Adresse, die er in sein Notizbuch schrieb. Er notierte die Telefonnummern nicht, die ich ihm angeboten hatte. Später begriff ich, daß es nicht so schlimm war. Die Leute, die wie ich lange in Ruanda gewohnt hatten, standen für die Militärherrschaft unter starkem Verdacht. Alle unsere Bewegungen wurde aus der Nähe überwacht. Unseren Freunden wurde auch scharf auf die Finger geguckt. Heute kann ich mir noch gratulieren, daß der Polizist meinen Vorschlag zurückgewiesen hatte. Ich hätte meine Freunde unfreiwillig verraten.

-   Stehen Sie alle auf und treten Sie in das Haus dort ein.  sagte der Polizist.

Ich tat, als ob ich ihn nicht verstanden hätte. Wir mussten auf jeden Fall draussen bleiben, wo Leute uns sehen konnten. In dieses Haus zu treten, wäre ein erster Schritt zum Tod hin gewesen. Als ich nicht reagierte, spannte er sein Gewehr und richtete es brutal auf meine Brust. Das Bajonett zerriss mein Hemd und schnitt mich in die Brust. Ich blieb ganz ruhig. Ich machte noch eine komplette Joga-Atmung und stand auf.

-  Wenn ich ihnen aufzustehen verordne, müssen Sie sich sofort fügen.  explodierte der Stellungschef.

In diesem Moment sah ich einen grossen Mitsubishi Jeep, der mir bekannt war. Das Auto hielt vor der Kontrollstellung. Es war Jean. Ein Tutsi Ruander, der seit 30 Jahre in Burundi wohnte. Ich hatte ihn durch Vermittlung meines langjährigen Freundes Dennis kennengelernt, als ich nach Burundi zurückgekehrt war. Jean schien uns nicht zu sehen. Ich nahm meine Gedanken an ihn zusammen. Er erzitterte und blickte in unsere Richtung. Er rief den Stellungschef, den er sehr gut zu kennen schien. Sie tauschten Freundlichkeiten aus. Jean parkierte sein Auto auf dem Trottoir und trat mit dem Stellungschef ins Büro ein.

Fünf Minuten später kam er heraus und winkte uns freundlich zu. Der Stellungschef kam zu uns und gab uns unsere Karten zurück. Ohne weitere Formalitäten verordnete er uns, nach Bujumbura zurückzukehren. Jean brachte uns mit seinem Auto nach Hause. Erst ein paar Monate später wußte ich, daß er den Stellungschef mit ein paar schönen Geldscheinen bestochen hatte. Er war wirklich ein guter Freund.

 

Folgendes Kapitel.